Stell dir vor, du würdest in einem Großraumbüro arbeiten. Dein Arbeitsplatz ist klein, nur einen halben Meter entfernt sitzen deine Kollegen – vor dir, hinter dir, neben dir. Deine Chefin hat ihren Platz gut sichtbar vor allen anderen, beobachtet euch während der Arbeitszeit, geht durch die Reihen, schaut dir kritisch über die Schulter – und greift ein, wenn etwas nicht nach Plan läuft.
Hinter dir summt jemand leise vor sich hin, ein anderer kippelt mit dem Stuhl, ein Fuß hippelt nervös auf dem Boden – der quietschende Schuh macht dich wahnsinnig. Du versuchst, dich auf deine Arbeit zu konzentrieren, aber innerlich bist du unruhig, möchtest dich bewegen. Die Blicke deiner Chefin verunsichern dich, ihre Erklärungen rauschen an dir vorbei – weil du bei all den Reizen kaum zuhören kannst.
Genauso fühlen sich viele Kinder im Klassenraum.
Egal, ob du als Lehrer arbeitest, Erzieher in einer Kita bist oder in der Ergotherapie Gruppenangebote leitest: Du kennst diese Kinder. Die, die ständig zappeln. Die, die träumen. Die, die scheinbar „nicht zuhören“, sich schwer tun mit dem Schreiben oder einfach nicht ruhig sitzen können.
Eine mögliche Ursache für dieses Verhalten können restaktive frühkindliche Reflexe sein. Die meisten Kinder bemerken ihr “störendes Verhalten” gar nicht, weil es nichts ist, das sie bewusst tun. Vielmehr handelt es sich um unbewusste Kompensationsstrategien, mit denen sie versuchen, den reflexgesteuerten Bewegungsimpulsen und dem inneren Dauerstrom standzuhalten, der sie durch den Tag begleitet.
Mit gezielten Reflexintegrationsübungen lassen sich diese unbewussten Bewegungsimpulse regulieren – und genau darum geht es in diesem Artikel. Du bekommst 10 wirksame Übungen, die du direkt im Klassenzimmer umsetzen kannst – ohne Material, ohne großen Aufwand, aber mit spürbarer Wirkung.
Und was aus meiner Sicht das Beste daran ist: während du die Übungen anleitest und selbst mitmachst, tun die Kinder etwas gutes für sich – und du profitierst davon genau wie sie auch! Es ist eine win-win-win-Situation für dich, jeden einzelnen Schüler und die gesamte Gruppe als solche. Diese 10 Minuten holt ihr im Tagesgeschehen locker wieder rein, weil ein friedlicheres Lernklima herrscht, jedes einzelne Kind sich besser konzentrieren kann, die störenden Zwischendrin-Situationen weniger werden und die Aufnahme- und Merkfähigkeit der Kinder ganz nebenbei auch noch steigt.
Was hält dich ab? Probiere die ersten Übungen direkt morgen aus!
Restaktive frühkindliche Reflexe sind angeborene, automatische Bewegungsprogramme (z. B. der Moro-Reflex oder der ATNR), die sich im Laufe der frühen Kindheit normalerweise vollständig integrieren. Bleiben sie jedoch aktiv, können sie unbewusst Haltung, Koordination, Konzentration und Lernverhalten beeinflussen.
Eine verständliche Erklärung, was restaktive frühkindliche Reflexe sind und wie Reflexintegration wirkt, findest du hier: Restaktive frühkindliche Reflexe & Reflexintegration einfach erklärt .
Typische Anzeichen:
• Unruhe & Zappeln
• Probleme beim Schreiben
• Schwierigkeiten beim Zuhören
• Schnelle Überforderung
Warum helfen Reflexintegrationsübungen?
Durch gezielte, wiederholte Bewegungsabläufe kann das Nervensystem nachreifen und automatische Reaktionen besser regulieren.
Das erwartet dich in diesem Beitrag
Warum klassische „Stillsitz-Appelle” nicht funktionieren – und was stattdessen hilft
„Sitz still.” „Hör auf zu zappeln.” „Konzentrier dich jetzt.” – Sätze, die in jedem Klassenzimmer täglich fallen. Und Sätze, die bei manchen Kindern schlicht ins Leere gehen. Nicht, weil diese Kinder nicht wollen. Sondern weil sie nicht können.
Wenn ein Kind permanent mit dem Stuhl kippelt, mit dem Fuß wippt, am Stift kaut oder scheinbar in eine andere Welt abdriftet, dann ist das in den meisten Fällen keine bewusste Entscheidung. Es ist eine Kompensationsstrategie – ein Versuch des Körpers, mit etwas umzugehen, das tief im Nervensystem verankert ist: einem noch aktiven frühkindlichen Reflex.
Frühkindliche Reflexe sind automatische Bewegungsprogramme, die sich normalerweise in den ersten Lebensmonaten entwickeln und danach wieder „abschalten” – fachlich gesprochen: sie werden integriert. Passiert das nicht vollständig, bleiben sie als sogenannte restaktive Reflexe im Hintergrund aktiv. Das Kind merkt davon nichts – und genau das ist das Tückische daran. Es kennt keinen anderen Zustand. Es weiß nicht, wie sich „leichtes Stillsitzen” anfühlt, weil es das nie erlebt hat. Es weiß nicht, dass Buchstaben für andere Kinder ruhig auf der Zeile stehen bleiben, weil es seinen eigenen Blick nie von außen betrachten kann. Für dieses Kind ist seine Wahrnehmung die einzige Realität – und damit völlig normal.
Was es allerdings spürt, auch wenn es das nicht in Worte fassen kann: dass vieles, was anderen Kindern leicht zu fallen scheint, für es selbst unglaublich anstrengend ist. Dass Schreiben erschöpft. Dass Zuhören Kraft kostet. Dass irgendetwas „nicht stimmt” – ohne benennen zu können, was. Manche Kinder entwickeln daraus ein diffuses Gefühl, „anders” zu sein oder „dümmer” als die anderen. Nicht weil ihnen das jemand gesagt hat, sondern weil sie den täglichen Vergleich erleben und dabei immer wieder das Gefühl haben, nicht mitzukommen.
Und genau hier liegt das Problem mit dem gut gemeinten „Sitz still!”: Du forderst etwas vom Bewusstsein des Kindes, das im Unterbewusstsein gesteuert wird. Das ist ungefähr so, als würdest du jemandem sagen, er soll aufhören zu blinzeln – für ein paar Sekunden geht das vielleicht, aber der Impuls kommt immer wieder zurück. Mit dem Unterschied, dass Blinzeln niemanden stört, Zappeln im Klassenzimmer aber schon.
Was passiert, wenn wir trotzdem immer wieder appellieren? Das Kind erlebt, dass es eine Erwartung nicht erfüllen kann, obwohl es sich Mühe gibt. Es bekommt das Gefühl, „falsch” zu sein. Manche Kinder reagieren darauf mit Rückzug und Verunsicherung, andere mit Widerstand und Provokation. Beides sind keine Charaktereigenschaften, sondern Schutzreaktionen.
Die gute Nachricht: Du kannst genau hier ansetzen – ohne Diagnose, ohne Fachausbildung, ohne zusätzliches Material. Mit gezielten Reflexintegrationsübungen, die du direkt im Klassenzimmer einsetzt, gibst du dem Nervensystem der Kinder das, was es braucht: Bewegung, die nicht zufällig ist, sondern präzise dort wirkt, wo die Ursache sitzt. Und das Schöne daran: es dauert keine halbe Stunde, sondern nur wenige Minuten.
10 Reflexintegrationsübungen für den Unterricht – ohne Material, in unter 10 Minuten
Du kannst diese Übungen als festes Morgenritual einsetzen, als Reset nach der großen Pause oder als kurze Unterbrechung, wenn du merkst, dass die Klasse unruhig wird. Ideal ist eine feste Reihenfolge, die du über mehrere Wochen beibehältst – denn Wiederholung ist der Schlüssel, damit das Nervensystem tatsächlich nachreifen kann. Du musst nicht jeden Tag alle zehn Übungen machen. Starte mit drei oder vier und erweitere nach und nach. Wichtig ist nur: regelmäßig vor perfekt.
Und noch etwas: Mach mit. Nicht nur, weil es dir selbst guttut – sondern weil Kinder Bewegung leichter annehmen, wenn der Erwachsene sie vorlebt, statt sie anzuordnen.
1. Hook-Up – der Sofort-Reset für aufgedrehte Klassen
Wirkt auf: emotionale Regulation, Stressabbau, Fokus (Furchtlähmungsreflex, Moro-Reflex)
👉 So geht’s:
- Stelle dich aufrecht hin, Arme und Beine locker ausgestreckt.
- Überkreuze die Beine.
- Überkreuze nun auch die Arme, sodass der Arm oben ist, wo auch das Bein vorne steht – Arm und Bein derselben Körperseite sind vorn.
- Verschränke die Hände ineinander, drehe sie nach innen und ziehe sie sanft Richtung Brust.
- Wenn du magst, schließe die Augen.
- Atme mit der 47-11-Atmung: 4 Sekunden tief durch die Nase einatmen, 7 Sekunden langsam durch den Mund ausatmen – am besten mit einem sanften „ffff”, damit die 7 Sekunden gut durchgehalten werden.
Im Idealfall 11x wiederholen. - Löse die Haltung und wiederhole die Übung mit der anderen Körperseite – also jeweils mit dem anderen Arm und Bein vorn.

Das bewirkt die Übung: Hook-Ups verbinden beide Gehirnhälften, aktivieren das parasympathische Nervensystem und helfen dabei, von einem aufgeregten oder gestressten Zustand in einen fokussierten, ruhigen Modus zu kommen. Die Kombination aus überkreuzter Körperhaltung und bewusster Atmung ist dabei besonders wirkungsvoll: Die Haltung sorgt für die neurologische Vernetzung, die Atmung fährt das Stresssystem herunter. Kinder, die gerade noch durch die Klasse gewirkt haben wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen, werden spürbar stiller.
💡 Tipp für die Umsetzung: Perfekt nach der großen Pause, vor Klassenarbeiten oder wenn die Stimmung gerade kippt. Die 47-11-Atmung kannst du übrigens auch unabhängig von den Hook-Ups einsetzen – zum Beispiel als Ritual vor jeder Stunde oder wenn einzelne Kinder gerade aufgewühlt sind. Bei jüngeren Kindern, denen das Zählen schwerfällt, kannst du die Sekunden einfach laut vorzählen.
2. Cross-Crawl-Marschieren – der Klassiker für beide Gehirnhälften
Wirkt auf: Lesen, Schreiben, Fokus, Koordination (ATNR, STNR)
👉 So geht’s:
- Stell dich neben deinen Platz.
- Marschiere auf der Stelle.
- Berühre mit dem rechten Ellbogen dein linkes Knie.
- Dann mit dem linken Ellbogen dein rechtes Knie.
- Langsam und kontrolliert weitermachen – nicht hektisch werden.
- Etwa eine Minute lang.
Das bewirkt die Übung: Durch das bewusste Überkreuzen der Körpermittellinie werden beide Gehirnhälften gleichzeitig aktiviert und ihre Zusammenarbeit gestärkt. Das ist die neurologische Grundlage für alles, was mit Lesen, Schreiben und koordiniertem Bewegen zu tun hat. Kinder, denen das Abschreiben von der Tafel schwerfällt oder die Buchstaben vertauschen, profitieren besonders.
💡 Tipp für die Umsetzung: Wenn du merkst, dass einige Kinder statt überkreuz „gleichseitig” marschieren (rechter Ellbogen an rechtes Knie), ist das kein Fehler – es zeigt dir, dass genau diese Übung nötig ist. Korrigiere sanft, aber mache es nicht zum Thema. Es wird von Mal zu Mal besser.
3. Die Katze im Sitzen – für Kinder, die zwischen Tafel und Heft „verloren gehen”
Wirkt auf: Haltung, Konzentration, Wechsel zwischen Nah- und Fernsicht (STNR)
👉 So geht’s:
- Setz dich aufrecht auf deinen Stuhl, beide Füße stehen fest auf dem Boden.
- Beim Einatmen: Mach einen Katzenbuckel – Rücken rund, Kinn zur Brust, Schultern nach vorne.
- Beim Ausatmen: Brust raus, Schulterblätter zusammen, Blick leicht nach oben – wie eine Katze, die sich genüsslich streckt.
- Langsam und bewusst wiederholen.
- Acht bis zehn Mal.
Das bewirkt die Übung: Der symmetrisch-tonische Nackenreflex (STNR) steuert das Zusammenspiel von Ober- und Unterkörper – und den Wechsel zwischen Nah- und Fernsicht. Kinder, bei denen dieser Reflex noch aktiv ist, verlieren beim Blick von der Tafel ins Heft regelmäßig die Zeile, sitzen schief oder rutschen auf dem Stuhl nach vorne. Die Katze im Sitzen adressiert genau dieses Muster.
💡 Tipp für die Umsetzung: Achte darauf, dass die Bewegung aus der Wirbelsäule kommt und nicht nur aus den Schultern. Wenn du sagst „Macht euch rund wie eine verschlafene Katze – und dann lang und stolz wie ein Löwe”, haben die Kinder sofort ein Bild vor Augen.
4. Bleistift-Push-Ups – die unsichtbare Augenübung, die Lesen leichter macht
Wirkt auf: Leseflüssigkeit, Augenfolgebewegungen, visuelle Aufmerksamkeit (ATNR)
👉 So geht’s:
- Nimm einen Stift und halte ihn auf Armlänge vor dich, die Spitze nach oben.
- Fixiere die Stiftspitze mit beiden Augen.
- Führe den Stift langsam Richtung Nase – so nah, bis es schwer wird, den Fokus zu halten.
- Kurz halten.
- Dann langsam wieder auf Armlänge zurückbewegen.
- Zehn Wiederholungen.
Das bewirkt die Übung: Diese Übung trainiert die Konvergenz und Divergenz der Augen – also die Fähigkeit, nah und fern scharf zu sehen und zwischen beiden Entfernungen flüssig zu wechseln. Kinder, die beim Lesen Zeilen überspringen, Wörter vertauschen oder schnell „müde Augen” bekommen, haben oft genau hier eine Schwäche, die mit dem ATNR zusammenhängt.
💡 Tipp für die Umsetzung: Manche Kinder werden feststellen, dass sie den Stift ab einem gewissen Punkt „doppelt” sehen – das ist normal und zeigt, wo die Grenze der Augenkoordination aktuell liegt. Nicht weiter drücken, sondern genau an diesem Punkt umkehren. Mit der Zeit wird der Punkt näher rücken.
5. Stern und Kugel – wenn die innere Anspannung raus muss
Wirkt auf: emotionale Regulation, Angst, Aufmerksamkeit (Moro-Reflex)
👉 So geht’s:
- Stell dich neben deinen Platz.
- Mach dich ganz klein: Arme um die Knie, Kopf nach unten – „die Kugel”.
- Atme dabei bewusst aus.
- Beim Einatmen: Richte dich kraftvoll auf, stell dich auf die Zehenspitzen, strecke die Arme weit vom Körper, spreize die Finger, Blick nach oben – „der Stern”.
- Kurz halten.
- Dann langsam wieder zusammenrollen und ausatmen.
- Fünf bis acht Wiederholungen.
Das bewirkt die Übung: Der Moro-Reflex ist unser ältestes Schreck- und Stressreaktionsprogramm. Ist er noch aktiv, leben Kinder in einer Art permanentem Alarmzustand – sie schrecken bei Geräuschen zusammen, sind emotional schnell überflutet und können sich schwer beruhigen. Stern und Kugel wiederholt kontrolliert das Muster des Moro-Reflexes – Öffnen und Schließen – und verbindet es mit bewusster Atmung. Das hilft dem Nervensystem, dieses Muster zu integrieren und den Alarmzustand herunterzufahren.
💡 Tipp für die Umsetzung: Die Atmung macht den Unterschied. Wenn die Kinder nur mechanisch auf- und zugehen, ist die Wirkung geringer. Nimm dir einen Moment, um die Atmung vorzumachen: „Zusammenrollen und alle Luft rauslassen – dann groß werden und tief einatmen, als würdet ihr den ganzen Raum in euch aufnehmen.”
6. Die Rakete – für Kinder, die in der Bank „zusammensacken”
Wirkt auf: Haltung, Körperspannung, Rumpfstabilität (Landau-Reflex)
👉 So geht’s:
- Stell dich aufrecht hin, Füße hüftbreit.
- Strecke die Arme gerade über den Kopf, Handflächen zeigen zueinander.
- Geh auf die Zehenspitzen.
- Mach deinen ganzen Körper so lang wie möglich – vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen eine gerade Linie.
- Zehn Sekunden halten.
- Langsam ablassen.
- Fünf Wiederholungen.
Das bewirkt die Übung: Der Landau-Reflex ist dafür verantwortlich, dass wir unseren Körper gegen die Schwerkraft aufrichten und diese Streckung auch halten können. Ist er nicht vollständig ausgereift, fehlt Kindern genau die Rumpfspannung, die es braucht, um aufrecht am Tisch zu sitzen, ohne sich abzustützen, aufzulegen oder in sich zusammenzusacken. Lehrkräfte kennen das Bild: Das Kind liegt mehr auf dem Tisch als dass es sitzt, stützt den Kopf permanent auf die Hand oder rutscht langsam vom Stuhl. Die Rakete aktiviert die gesamte Streckmuskulatur und gibt dem Körper das Signal: Aufrichten ist möglich – und zwar ohne Anstrengung.
💡 Tipp für die Umsetzung: Mach ein kleines Spiel daraus: „Wer schafft es, sich so lang zu machen, dass er fast die Decke berührt?” Kinder, die dabei stark schwanken oder kaum auf den Zehenspitzen stehen können, zeigen dir, dass der Landau-Reflex hier noch Nachreifung braucht.
7. Lazy 8 – die liegende Acht für flüssigeres Lesen und Schreiben
Wirkt auf: Lesen, Schreiben, Augenkoordination, Überkreuzen der Mittellinie (ATNR, vestibuläres System)
👉 So geht’s:
- Strecke einen Arm nach vorne, Daumen zeigt nach oben.
- Zeichne mit dem Daumen eine große liegende Acht (∞) in die Luft – starte immer von der Mitte nach oben.
- Die Augen folgen dem Daumen, der Kopf bleibt still.
- 30 Sekunden mit der einen Hand.
- 30 Sekunden mit der anderen Hand.
- Zum Schluss 30 Sekunden mit beiden Händen zusammen (Daumen übereinander).
Das bewirkt die Übung: Die liegende Acht zwingt die Augen, die Mittellinie des Körpers flüssig zu überqueren – genau das, was beim Lesen einer Zeile von links nach rechts passiert. Gleichzeitig wird das vestibuläre System angesprochen und die Zusammenarbeit beider Gehirnhälften gefördert. Kinder, die beim Lesen in der Zeilenmitte „hängen bleiben” oder beim Schreiben die Seite meiden, die ihrer nicht-dominanten Hand entspricht, profitieren enorm.
💡 Tipp für die Umsetzung: Achte darauf, dass wirklich nur die Augen der Hand folgen und der Kopf nicht mitgeht. Wenn du merkst, dass einzelne Kinder den Kopf ständig mitdrehen, ist das ein Hinweis auf eine noch nicht ausgereifte Augen-Kopf-Dissoziation – und ein Zeichen, dass diese Übung goldrichtig für sie ist.
8. Backenpost – die stille Übung, die (fast) niemand bemerkt
Wirkt auf: orale Motorik, Konzentration, Stiftkauen (Rooting-Reflex/Suchreflex)
👉 So geht’s:
Variante 1 – Luftpost:
- Nimm Luft in den Mund, sodass sich eine Backe aufbläst.
- Schiebe die Luft langsam zur anderen Backe.
- Und wieder zurück.
- 20 Wiederholungen.
Variante 2 – Zungenpost:
- Drücke die Zungenspitze fest gegen die linke Backe von innen.
- Halte kurz.
- Wechsle zur rechten Seite.
- 20 Wiederholungen.
Das bewirkt die Übung: Der Suchreflex (Rooting-Reflex) ist der Reflex, der Neugeborenen hilft, die Brust zum Trinken zu finden. Ist er nicht vollständig integriert, zeigt sich das bei Schulkindern oft durch orale Kompensationen: Stifte kauen, an den Fingernägeln knabbern, ständig die Lippen lecken oder Kaubewegungen beim Konzentrieren. Backenpost stimuliert die orofaziale Muskulatur und unterstützt das Nervensystem dabei, diesen frühen Reflex loszulassen.
💡 Tipp für die Umsetzung: Diese Übung ist perfekt für stille Arbeitsphasen – die Kinder können sie sogar während einer Aufgabe machen, ohne jemanden zu stören. Beobachte, ob eine Seite schwerer fällt als die andere – das zeigt dir, dass der Reflex auf einer Seite stärker aktiv ist.
9. Die Krake – damit der Stift endlich locker in der Hand liegt
Wirkt auf: Stifthaltung, Handschrift, Feinmotorik (Palmar-Reflex/Greifreflex)
👉 So geht’s:
- Strecke beide Arme nach vorne.
- Balle die Hände fest zu Fäusten.
- Halte die Spannung fünf Sekunden.
- Dann öffne die Hände und strecke alle Finger weit auseinander – richtig überstrecken, so weit es geht.
- Fünf Sekunden halten.
- Wieder zur Faust.
- Zehn Wiederholungen.
Optional mit Stressball: Wenn in deiner Klasse Stressbälle vorhanden sind, können die Kinder diese in die Hand nehmen und fest zusammendrücken, bevor sie die Finger überstrecken. Der Widerstand des Balls verstärkt den Effekt deutlich.
Das bewirkt die Übung: Der Palmar-Reflex ist der Greifreflex – der Reflex, der Babys dazu bringt, alles festzuhalten, was in ihre Handfläche gerät. Ist er noch aktiv, verkrampfen Kinder beim Schreiben die Hand, drücken den Stift viel zu fest aufs Papier, ermüden schnell und entwickeln eine unleserliche Handschrift. Die Krake trainiert das bewusste Anspannen und Loslassen und hilft dem Nervensystem, den Greifreflex zu regulieren.
💡 Tipp für die Umsetzung: Setze diese Übung gezielt vor Schreibaufgaben ein – zum Beispiel bevor die Kinder ins Heft schreiben oder einen Aufsatz beginnen. Schon nach wenigen Tagen wirst du merken, dass einige Kinder den Stift entspannter halten.
10. Der Flamingo – für Kinder, die nicht stillsitzen können und berührungsempfindlich am Rücken sind
Wirkt auf: seitliche Rumpfbeweglichkeit, Ober-/Unterkörper-Koordination, Sitzruhe (Spinaler Galant)
👉 So geht’s:
- Stell dich aufrecht hin, die Wirbelsäule gerade.
- Lege die rechte Hand auf die rechte Schulter und die linke Hand auf die linke Schulter.
- Hebe die rechte Ferse nach hinten oben an und bringe gleichzeitig den rechten Ellbogen Richtung rechte Hüfte – Ellbogen und Hüfte bewegen sich aufeinander zu.
- Zurück in die Ausgangsposition.
- Zehn Wiederholungen auf der rechten Seite.
- Dann Seitenwechsel: linke Ferse nach hinten oben, linker Ellbogen zur linken Hüfte.
- Zehn Wiederholungen auf der linken Seite.
Das bewirkt die Übung: Der spinale Galant-Reflex wird normalerweise im ersten Lebensjahr integriert. Bleibt er aktiv, reagieren Kinder extrem empfindlich auf Berührungen am Rücken, können kaum stillsitzen und rutschen ständig auf dem Stuhl hin und her. Enge Kleidung oder Hosenbünde empfinden sie als unangenehm. Der Flamingo trainiert gezielt die seitliche Rumpfmuskulatur und die Fähigkeit, Ober- und Unterkörper unabhängig voneinander zu koordinieren – genau das, was bei einem aktiven spinalen Galant gestört ist.
💡 Tipp für die Umsetzung: Achte darauf, ob Kinder statt einer seitlichen Bewegung den Oberkörper nach vorne beugen oder das Knie hochziehen statt die Ferse nach hinten zu heben – das sind typische Ausweichbewegungen, die dir zeigen, dass diese Übung genau richtig ist. Starte langsam und lass die Kinder erst einmal nur die Hüfte bewegen, dann nur die Schulter, bevor du beides kombinierst.
Bonus-Tipp für zu Hause: Die Rotationslage
Wenn du den Eltern eine einzige Übung mitgeben möchtest, die ihr Kind abends zur Ruhe bringt, dann ist es diese. Die Rotationslage bringt das Nervensystem durch eine gezielte, ruhige Haltung zurück ins Gleichgewicht – und wirkt regulierend auf das Gleichgewichtssystem, die Körperwahrnehmung und die Ruhefähigkeit des zentralen Nervensystems.
👉 So geht’s:
- Das Kind legt sich in Seitenlage auf eine weiche, feste Unterlage (Yogamatte oder ins Bett).
- Der untere Arm wird ausgestreckt hinter dem Rücken abgelegt.
- Beide Beine sind angewinkelt, das obere Bein liegt locker hinter dem unteren. (Wichtig: Es muss tatsächlich abgelegt sein und darf nicht in der Luft hängen.)
- Der Kopf bleibt in neutraler Position oder zeigt leicht nach vorn.
- Jetzt einfach liegen und atmen.

Diese Übung eignet sich übrigens wunderbar als Einschlafritual.
So baust du die Übungen am besten in deinen Unterricht ein
Die wirkungsvollste Übung ist die, die tatsächlich stattfindet. Klingt banal, ist aber der entscheidende Punkt. Denn die größte Hürde bei Reflexintegrationsübungen im Klassenzimmer ist nicht die Auswahl der Übungen, sondern die Regelmäßigkeit.
Deshalb mein wichtigster Rat: Mach es dir so leicht wie möglich. Binde die Übungen an etwas, das sowieso jeden Tag passiert: an einen festen Zeitpunkt, ein bestehendes Ritual, einen wiederkehrenden Moment. Dann musst du nicht jeden Tag neu entscheiden, ob und wann du sie einsetzt. Es passiert einfach.
Hier sind drei Varianten, die sich in der Praxis bewährt haben:
Variante 1: Das Morgenritual Jeden Morgen, bevor der Unterricht beginnt, starten alle gemeinsam mit drei bis vier Übungen. Immer dieselben, über mehrere Wochen hinweg. Das dauert fünf Minuten und gibt dem Tag eine ruhige, gemeinsame Eröffnung. Besonders gut funktioniert die Reihenfolge: Hook-Ups zum Ankommen, Cross-Crawl zum Wachwerden, dann eine ruhige Übung wie Lazy 8 oder Bleistift-Push-Ups als Überleitung in die Konzentration.
Variante 2: Der Pausen-Reset Nach der großen Pause kommen die Kinder aufgedreht zurück. Statt sofort in den Unterricht einzusteigen und gegen die Unruhe anzukämpfen, investierst du drei Minuten in Hook-Ups und Stern und Kugel. Die Kinder landen im Raum an, das Nervensystem fährt herunter – und du kannst mit einer Klasse arbeiten, die tatsächlich zuhören kann.
Variante 3: Die Zwischendurch-Unterbrechung Du merkst, dass die Konzentration nach 20 Minuten nachlässt, es wird unruhig, die ersten fangen an zu zappeln. Statt zu ermahnen, sagst du: „Alle aufstehen – Rakete!” Eine einzige Übung, 60 Sekunden, und die Aufmerksamkeit ist zurück. Dafür eignen sich besonders Cross-Crawl, die Rakete und der Flamingo, weil sie aktivierend wirken und die Kinder danach wacher sind als vorher.
Was die Reihenfolge angeht: Starte immer mit einer beruhigenden Übung (Hook-Ups, Stern und Kugel), gehe dann zu aktivierenden Übungen (Cross-Crawl, Rakete, Flamingo) und schließe mit einer fokussierenden Übung ab (Bleistift-Push-Ups, Lazy 8, Krake). So führst du das Nervensystem der Kinder gezielt von „unreguliert” über „aktiviert” hin zu „fokussiert”.
Und ein letzter Gedanke: Du musst die Übungen nicht perfekt anleiten. Du musst kein Experte für Reflexintegration sein, um damit anzufangen. Du musst nur bereit sein, es auszuprobieren – und dranzubleiben. Die Übungen wirken nicht, weil du sie perfekt erklärst, sondern weil die Kinder sie regelmäßig machen.
Woran du merkst, dass sich etwas verändert
Erwarte keine Wunder nach dem ersten Tag. Reflexintegration ist kein Lichtschalter, den man umlegt. Sie ist eher wie ein Dimmer, der langsam hochgedreht wird. Die Veränderungen kommen leise, manchmal so leise, dass du sie fast übersiehst, wenn du nicht gezielt darauf achtest.
Aber sie kommen.
Die ersten Zeichen, die Lehrkräfte typischerweise bemerken, sind oft nicht die großen Durchbrüche, sondern kleine Verschiebungen im Alltag: Das Kind, das sonst fünfmal pro Stunde aufgestanden ist, bleibt plötzlich drei Stunden sitzen – und keiner hat es bemerkt, weil es einfach nicht mehr aufgefallen ist. Die Klasse, die nach der Pause normalerweise zehn Minuten braucht, um zur Ruhe zu kommen, ist nach drei Minuten arbeitsfähig. Ein Kind, dessen Handschrift bisher kaum lesbar war, schreibt plötzlich erkennbare Buchstaben – nicht schön, aber lesbar. Ein anderes Kind, das bei jedem lauten Geräusch zusammengezuckt ist, reagiert gelassener.
Achte besonders auf diese Veränderungen:
Die Sitzruhe nimmt zu – weniger Rutschen, weniger Kippeln, weniger „Ich muss mal auf Toilette” als Fluchtreflex. Die Übergänge zwischen Aufgaben werden flüssiger – das Kind braucht weniger Zeit, um von einer Tätigkeit in die nächste zu finden. Konflikte in der Pause oder im Unterricht nehmen ab, weil die Kinder emotional regulierter sind. Das Schriftbild verändert sich – oft nicht sofort schöner, aber entspannter, gleichmäßiger, weniger verkrampft. Und manchmal sagt ein Kind von sich aus etwas wie „Das war heute irgendwie leichter” – ohne genau sagen zu können, was.
Gib dem Ganzen mindestens vier bis sechs Wochen, bevor du Bilanz ziehst. Und halte am besten vorher ein paar Beobachtungen fest – schriftlich, ganz kurz. Wie lange braucht die Klasse nach der Pause, um ruhig zu werden? Wie oft steht Kind X pro Stunde auf? Wie sieht die Handschrift von Kind Y heute aus? Diese kleinen Notizen helfen dir, Veränderungen zu sehen, die du sonst im Alltagstrubel übersehen würdest.
Wenn du nach sechs Wochen spürbare Veränderungen feststellst – und davon bin ich überzeugt –, dann weißt du: Du hast gerade erst an der Oberfläche gekratzt. Denn die Übungen in diesem Artikel sind ein Einstieg, eine erste Tür. Was dahinter liegt, ist ein ganzes System, das noch viel gezielter und individueller arbeiten kann.
Wenn du mehr für deine Klasse erreichen möchtest
Vielleicht hast du nach ein paar Wochen gemerkt: Die Übungen wirken. Die Klasse ist ruhiger, die Übergänge laufen besser, einzelne Kinder haben sich spürbar verändert. Und vielleicht denkst du jetzt: Was wäre möglich, wenn wir das nicht nur zwischendurch machen würden, sondern systematisch – über ein ganzes Schuljahr hinweg?
Genau dafür haben wir unser präventives Bewegungsprogramm für Schulen entwickelt. Es besteht aus acht Modulen, die aufeinander aufbauen und über ein Schuljahr hinweg in den Unterrichtsalltag eingeführt werden – begleitet und strukturiert, sodass du nicht allein herausfinden musst, welche Übungen wann sinnvoll sind und wie du den Schwierigkeitsgrad anpasst.
Die zehn Übungen aus diesem Artikel sind ein Vorgeschmack darauf, was mit gezielter Reflexintegration im Klassenzimmer möglich ist. Das Bewegungsprogramm geht den nächsten Schritt: Es baut systematisch auf, berücksichtigt die verschiedenen Reflexe in einer sinnvollen Reihenfolge und gibt dir als Lehrkraft ein Werkzeug an die Hand, das du dauerhaft einsetzen kannst – für jede neue Klasse, jedes Schuljahr.
Klingt spannend? Dann schreib uns – wir beraten dich gern, wie das Programm an deiner Schule aussehen kann.
Häufige Fragen zu Reflexintegrationsübungen in der Schule
Welche Reflexintegrationsübungen kann ich direkt im Klassenzimmer machen?
Wie lange dauert es, bis Reflexintegrationsübungen wirken?
Kann ich als Lehrkraft Reflexintegrationsübungen anleiten, ohne ausgebildet zu sein?
Sind Reflexintegrationsübungen auch für Kita-Kinder geeignet?
Muss ich alle zehn Übungen jeden Tag machen?
Was ist, wenn ein Kind eine Übung nicht schafft?
Die Übungen in diesem Artikel kannst du genauso gut zu Hause mit deinem Kind machen – am Küchentisch, im Kinderzimmer oder als gemeinsames Abendritual. Wenn du dir nicht sicher bist, ob bei deinem Kind restaktive frühkindliche Reflexe eine Rolle spielen, mach unseren kostenlosen ReflexCheck:
Weiterführende Beiträge
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- Wie ein frühkindlicher Reflex das Lesenlernen erschweren kann – und was bei LRS und ADHS wirklich helfen kann
- Fokus bitte! – 5 konkrete Tipps, um Konzentrationsproblemen endlich den Stecker zu ziehen
- Reflexintegration: Die 11 größten Mythen – und was wirklich stimmt

