„Wir machen das nicht mehr.“
Dieser Satz trifft. Und doch hören ihn viele Reflexintegrationstrainer:innen früher oder später – von Familien, die mittendrin aufgeben. Nicht, weil sie zweifeln. Nicht, weil sie keine Fortschritte sehen, sondern weil sie im Alltag schlicht nicht mehr können. Kinder verweigern sich, Eltern geraten an ihre Grenzen. In den Ferien bricht das letzte bisschen Struktur weg – und die Motivation gleich mit.
Was steckt dahinter? Und was kannst du tun, um Kinder (und ihre Eltern) wieder ins Boot zu holen? In diesem Beitrag findest du Gedanken, Beobachtungen – und konkrete Ideen, die du direkt in deiner Praxis umsetzen kannst.
Das erwartet dich in diesem Beitrag
Erst mal: Wertschätzung
Bevor es um Motivation und Lösungsansätze geht, möchte ich eines loswerden: Wir sollten nicht nur über Motivation sprechen – sondern auch über Anerkennung.
An dich als Trainer:in: Ich weiß, wie zermürbend solche Rückmeldungen sein können. Du gibst alles, bereitest Termine vor, bist ganz bei deinen Klient:innen – und dann heißt es plötzlich: „Wir hören auf.“ Oder: „Wir kommen erst mal nicht mehr.“
Das macht was mit einem. Es kann frustrieren. Es kann dich an deinem Tun zweifeln lassen – gerade dann, wenn du siehst, dass die Übungen wirken und Fortschritte sichtbar werden.
Und ich verstehe auch die Eltern. Viele geben ohnehin schon alles: da ist Schule, Arbeit, vielleicht noch ein Geschwisterkind mit eigenen Themen – und dazwischen soll täglich geübt werden. Mit einem Kind, das sich querstellt. Das diskutiert. Oder einfach nicht mehr will.
Ganz ehrlich: Ich kann gut nachvollziehen, dass da irgendwann die Energie ausgeht. Dass man nicht mehr diskutieren möchte. Dass man nicht mehr alles schafft.
Und nicht zuletzt: Ich sehe die Kinder.
Jedes Kind, das sich auf Reflexintegration einlässt, entscheidet sich in diesem Moment für etwas – auch wenn es das nicht bewusst so benennt. Es spürt, dass da etwas nicht rund läuft. Und es macht mit. Das ist groß. Und verdient Wertschätzung. Auch wenn’s mal holpert.
Wenn du diese Anerkennung aussprichst – dem Kind gegenüber, den Eltern gegenüber, wenn du mit echtem Verständnis reagierst, dann sorgst du dafür, dass sich Türen nicht schließen. Dann bleibt ein Spalt offen, der Raum lässt: für Gespräch, für neue Versuche, für Verbindung. Und vielleicht auch dafür, dass aus einem „Wir schaffen das nicht mehr“ wieder ein „Wir probieren’s weiter und kriegen das hin“ werden kann.
Warum verlieren Kinder die Motivation?
Ich glaube, das hat mehrere Ursachen.
Zum einen kann es einfach daran liegen, dass ihnen der Sinn noch nicht richtig klar ist. Dass sie (noch) nicht spüren, wofür sie diese Übungen machen – und was sie damit konkret bewirken können. Genau deshalb finde ich es so wichtig, im Gespräch zu bleiben. Immer wieder nachzufragen: Wie geht’s dir gerade? Was hat sich in Mathe getan? Gibt’s was Neues im Klassenrat oder auf dem Schulhof? Und dann auch die kleinen Fortschritte sichtbar zu machen.
- Wenn ein Kind plötzlich seine Hausaufgaben konzentrierter erledigt – dann ist das ein Erfolg!
- Wenn es im Streit nicht mehr sofort explodiert, sondern sich abwendet – dann ist das ein Erfolg!
- Wenn es bei einer Mathearbeit nicht mehr mittendrin aufgibt, sondern durchzieht – dann ist das ein Erfolg!
- Wenn der Wutanfall nur noch 10 Minuten dauert und keine halbe Stunde mehr – dann ist das ein Erfolg!
Ich finde, wir dürfen diese Entwicklungen nicht einfach übergehen. Wir dürfen sie benennen, feiern und verbinden – zum Beispiel mit dem, was wir gerade im Training machen. Nur so entstehen Zusammenhänge. Nur so spüren Kinder: „Aha – das hat tatsächlich mit mir zu tun.“
Unsere Welt hat wenig Raum für´s Dranbleiben
Und dann gibt es da noch einen anderen Punkt, der mir persönlich sehr am Herzen liegt: Ich erlebe, dass viele Kinder es heute kaum noch gewohnt sind, mit Herausforderungen umzugehen. Dranzubleiben. Frust auszuhalten. Ein Ziel zu verfolgen, auch wenn’s mal nicht leicht ist. In ihrer Welt passiert so vieles schnell. Wenn ein Spiel zu schwer ist – zack, wird ein neues geöffnet. Wenn ein Hobby nicht direkt Spaß macht – kein Problem, dann sucht man eben ein anderes. Was dabei verloren geht, ist genau das, was für echte Lernerfolge so wichtig wäre: Hartnäckigkeit. Ausdauer. Frustrationstoleranz.
Und genau da kann AAIM Reflexintegration, wenn wir es gut begleiten, so wertvoll sein: weil sie Kindern nicht nur auf körperlicher Ebene hilft – sondern auch, sich selbst als handlungsfähig zu erleben. Stück für Stück.
Auch die Eltern spielen eine Rolle
Aber: Damit das gelingt, braucht es nicht nur das Kind. – Was dabei oft mitschwingt – und was ich anspreche, ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: Auch die Eltern spielen eine Rolle, wenn es um Motivation geht.
Ich habe oft den Eindruck, dass das tägliche Training manchmal auch für die Eltern eine Belastung ist. Dass sie es eher als lästige Pflicht empfinden – etwas, das halt „auch noch gemacht werden muss“. Und wenn man innerlich nicht ganz dahintersteht, fällt es natürlich schwer, standhaft zu bleiben, wenn das eigene Kind motzt, bockt oder diskutiert.
Ich frage dann oft ganz direkt:
- Wie oft wird bei euch das tägliche Zähneputzen infrage gestellt?
- Oder der nächste Zahnarzttermin?
- Oder die Hausaufgaben?
Klar: Auch das macht nicht immer Spaß. Aber es ist gesetzt. Es steht nicht zur Diskussion.
Genau das braucht es auch beim Übungsprogramm. Ein klares Commitment – auch und gerade von den Erwachsenen. Wenn Eltern vermitteln: „Das ist wichtig. Wir ziehen das durch. Punkt.“ – dann spüren Kinder das.
Und nein, das bedeutet nicht, dass man nie nachgeben darf. Aber es bedeutet, eine Haltung zu entwickeln, die klar macht: „Wir tun das nicht für mich – wir tun das für dich.“
Ein Beispiel aus meiner Praxis
Ich denke dabei an Stefan. Er war Vorschulkind, kurz vor der Einschulung – und unser gemeinsamer Start war alles andere als leicht. Schon in der ersten Stunde zeigte er sehr deutlich, dass er nicht mitmachen wollte. Er zog sich zurück, verweigerte jede Übung, blockte alles ab. Ich musste wirklich darum ringen, sein Vertrauen zu gewinnen – aber irgendwann ließ er sich ein. Vorsichtig, Schritt für Schritt.
Doch zu Hause kam der Einbruch. Die Familie sollte täglich abends üben – nur zehn Minuten. Aber für Stefan war es schnell zu viel. Er wehrte sich, sträubte sich, verweigerte sich. Die Eltern versuchten, ihn zu überzeugen, zu motivieren, gut zuzureden – ohne Erfolg. Als sie zum ersten Mal nachgaben und das Training an einem Abend ausließen, war es um die Routine geschehen. Von da an fiel jeder Abend aus – bis sie wieder zu mir kamen.
Kurz vor unserem nächsten Termin rief mich der Vater an. Er sagte, sie würden das Training abbrechen. Er und seine Frau könnten nicht mehr. Sie hätten keine Geduld, keine Kraft, keine Energie mehr, um jeden Abend diesen Kampf zu führen.
Was kannst du tun, damit die Kinder am Ball bleiben? – Meine Alltagstipps für dein Training an der Liege
Tipp 1: Ich versuche, aus jeder Stunde ein besonderes Event für die Kinder zu machen.
- Es läuft ein Duft im Diffuser – den sucht sich das Kind selbst aus.
- Im Regal stehen besondere Spiele, die es von zu Hause nicht kennt, und wenn wir mit allem durch sind, darf damit gespielt werden.
- Am Ende gibt’s manchmal ein kleines Stück „Anti-Reflexmonster-Medizin“.
- Oder ich lese noch ein paar Seiten aus dem „Krake“-Buch vor, während der Rotationslage.
- Es gibt ein Kind, das sich am Anfang der Stunde immer einen besonderen Song wünscht – und am Ende machen wir zusammen Party: tanzen, singen, lachen.
- Ich sage den Kindern ganz deutlich, was sie gut gemacht haben. Ich feiere sie für jeden kleinen Schritt.
- Manchem Kind hilft es, dass wir die Stunde mit dem Nabelstrahlen beginnen.
- Ich zeige den Kindern Übungen und kleine Tricks, die sie auch im Schulalltag gut anwenden können: z.B. die Hook ups oder die Handflächendruckpunkte.
Nicht alles bei jedem. Ich finde raus, was das einzelne Kind gerade braucht – und dann machen wir genau das. So erleben die Kinder: Ich kann etwas. Ich bin wirksam. Ihr Selbstwert wird gestärkt und ihr Selbstvertrauen wächst.
Tipp 2: Ich binde die Eltern mit ein.
Jede Mama bekommt bei mir die Integration der Stressschutzreflexe geschenkt. Nicht irgendwann, sondern direkt zum Start. Wenn ich den nächsten Termin fürs Kind ausmache, plane ich gleich einen Termin für sie.
Warum? – Weil sie dann merkt, was ihr Kind da eigentlich leistet. Und weil sie an sich selbst spürt, wie wirkungsvoll unsere Arbeit ist.
Tipp 3: Ideen, für mehr Motivation zu Hause
Für zu Hause gebe ich den Eltern kleine Tipps mit, so dass das tägliche Üben zum festen Ritual wird.
- Vielleicht mit einem Hörbuch, das es nur während der täglichen Sporteinheit gibt.
- Oder einer Geschichte, die jeden Tag ein Stück weitergeht. Es geht nicht um Belohnung – es geht um Verbindung.
- Ich empfehle auch unsere AAIM-Musik, die das Gehirn in den optimalen Lernzustand bringt – da bleibt dann kein Raum für Motzen oder Verweigerung.
- Ich arbeite mit doTERRA-Ölen: Citrus Bliss, Motivate, Pfefferminz – je nachdem, was das Kind gern hat. Wenn es ein Öl gibt, das besonders gut passt, bekommt das Kind ein Fläschchen mit nach Hause. Oder als Roll On auf für die Federtasche.
- Den Eltern zeige ich kleine Übungen, schnell umsetzbar, die die Kinder dabei unterstützen, zur Ruhe zu kommen. Ein Beispiel ist das Halten des SolarPlexus-Punktes unter der Fußsohle.
- Ich bitte die Eltern auch, genau hinzuschauen, um sich einschleichende (positive) Veränderungen zu bemerken. All zu oft geht das im hektischen, schnellen Alltag nämlich unter.
Tipp 4: Der Blick über den Tellerrand
Auch wenn die Kinder wegen des Reflexintegrationstrainings zu dir kommen: oft lohnt sich ein Blick auf das Drumherum.
- Gibt es Mikronährstoffmängel? Fehlt Omega 3? Gibt’s Unverträglichkeiten?
- Und manchmal: Manchmal steckt etwas Tieferes hinter der Verweigerung. Etwas, das sich auf die Kinderseele gelegt hat wie ein grauer Schleier. Schlechte Erfahrungen. Überzeugungen, die sich zu (negativen) Glaubenssätzen ausweiten. “Ich bin zu doof für Mathe.” oder “Ich bin ja eh immer Schuld.”
Dann heißt es: genau hinschauen. Und dafür sorgen, dass diese alten Belastungen bearbeitet werden – damit sie nicht weiter in die Gegenwart hineinwirken.
Tipp 5: Aufklärung
Was vielen Kindern (und auch Erwachsenen) hilft: Immer mal wieder erklären, warum das tägliche Sporteln eigentlich so wichtig ist. Und zwar so, dass es hängenbleibt.
Ich benutze dafür gern kleine Geschichten – zum Beispiel diese hier:
Stell dir vor, du möchtest eine neue Sportart lernen. Sagen wir: Basketball. Du fängst an, dich richtig dafür zu interessieren. Schaust dir Spiele im Fernsehen an, klickst dich durch Youtube-Videos mit Titeln wie „Der perfekte Korbwurf“, liest Trainingshandbücher, lernst die Regeln auswendig.
Du gehst sogar auf den Basketballplatz – aber nicht zum Mitmachen, sondern um anderen zuzuschauen. Um zu verstehen, wie das Spiel funktioniert. Und dann, nach ein paar Monaten, nimmst du zum allerersten Mal selbst den Ball in die Hand.
Was glaubst du – wie viele Körbe wirst du werfen?
Diese kleine Geschichte lässt sich auf fast alles übertragen, was wir im Leben lernen wollen: Ohne Wiederholung, ohne Dranbleiben, ohne eigenes Tun – kein echtes Können.
Gerade für Kinder macht das oft den Unterschied: Wenn sie verstehen, warum das Üben wichtig ist, fühlen sie sich nicht mehr „gezwungen“, sondern sehen einen Sinn dahinter. Und genau darum geht es am Ende immer: Verständnis schaffen. Verbindung stärken. Und dranbleiben – gemeinsam.
Und was wurde aus Stefan?
Die Familie hat den nächsten Termin damals doch noch wahrgenommen. Und das war gut so – denn wir haben nicht nur gesprochen, wir haben uns wirklich verstanden. Ich sprach mit den Eltern über die täglichen Herausforderungen. Über Druck, Erwartung, Erschöpfung. Und ich sprach auch mit Stefan – und zum ersten Mal erzählte er mir, was in ihm vorging. Dass ihn das Wort „Reflexmonsterchen“, das ich oft zur Erklärung benutze, verunsichert hatte. Dass es für ihn nicht nach etwas klang, das man loswerden möchte – sondern nach etwas Gefährlichem. Und dass das Üben für ihn einfach anstrengend war. Nicht nur zu Hause – bei mir sogar noch mehr.
Wir fanden gemeinsam Wege, wie es leichter werden konnte: Ich führte ein kleines Goodie ein – unsere „Reflexmonster-Medizin“, die es am Ende jeder Sitzung gab. Und für zu Hause durfte sich Stefan ein besonderes Buch aus meinem Regal ausleihen, das ihm seine Mama jeden Abend während der abschließenden Rotationslage vorlas.
Beim nächsten Termin kam er freudestrahlend rein. Und erzählte mir gleich, wie weit sie gekommen sind. Was inzwischen passiert war. Was er schon geschafft hatte. Heute ist das Üben keine tägliche Pflicht mehr – aber es ist ein gemeinsames Ritual geworden. Eines, das mit Verbindung zu tun hat – nicht mit Zwang.
Am Ende zählt das Miteinander
Ich wünsche dir, dass du mit diesem Beitrag nicht nur neue Impulse bekommst – sondern auch das gute Gefühl, nicht allein zu sein. Denn ganz ehrlich: Diese Situationen kennen wir alle. Und sie bedeuten nicht, dass du etwas falsch machst – sondern nur, dass Motivation ein Thema ist, das immer wieder Aufmerksamkeit braucht.
Schön, dass du da bist. Und danke, dass du mit deiner Arbeit so viele Kinder (und Familien) stärkst.