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Legasthenie und frühkindliche Reflexe: der körperliche Grund, den die meisten LRS-Ratgeber übersehen

Legasthenie und frühkindliche Reflexe

Mittwoch Abend, halb acht. Das Lesen üben – eure tägliche Leseroutine – war am Nachmittag so zäh, dass du beschlossen hattest, beim Ins-Bett-Gehen die Gute-Nacht-Geschichte abwechselnd mit deinem Kind zu lesen. Du zwei Abschnitte, dein Kind vier Sätze. Immer im Wechsel.

Und nun sitzt ihr aneinander gekuschelt, du hast deine zwei Abschnitte gelesen und dein Kind quält sich mit dem ersten seiner vier Sätze. Es verrutscht in der Zeile, verwechselt Buchstaben – d und b, q und p – statt zu lesen, buchstabiert es sich mühsam durch die Wörter. Nach der ersten Zeile fliegt das Buch durch den Raum, dein Kind reibt sich die Augen und möchte nicht weitermachen. Du holst das Buch zurück, um des lieben Friedens willen lässt du es für heute dabei.

Du kennst das alles schon. So geht es seit Monaten. In der Schule verweigert es das Lesen inzwischen völlig, was dir bereits Anrufe seiner Lehrerin eingebracht hat. Und es führt auch in anderen Fächern zunehmend zu Herausforderungen. Dabei habt ihr schon so viel ausprobiert: Silben klatschen, LeseLineal, Tandemlesen, Wortmemory. In der Schule wird zunehmend auf eine LRS- oder Legasthenie-Testung gedrängt, doch du bist überzeugt, dass das eure Herausforderung weder im Kern erfasst noch löst.

Dein Bauchgefühl könnte stimmen. Denn manchmal hat das Problem mit dem Lesen gar nicht so viel mit Buchstaben zu tun – sondern mit dem Körper.

In diesem Beitrag geht es um einen Zusammenhang, den die meisten LRS-Ratgeber komplett übersehen: Legasthenie und frühkindliche Reflexe hängen enger zusammen, als du denkst. Zwei frühkindliche Reflexe, die bei vielen Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten noch aktiv sind – und die das Lesen und Schreiben auf einer ganz körperlichen Ebene erschweren. Du bekommst konkrete Übungen an die Hand, die du sofort mit deinem Kind zu Hause anfangen kannst. Ohne Material, ohne Therapeuten-Termin, in 10 Minuten am Tag. Damit gelingt Lesen lernen ohne Buchstaben. Die ersten Erfolge werden die Begeisterung vielleicht nicht sofort zurückbringen, aber auf jeden Fall bestärkend auf die Motivation einzahlen.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen LRS und Legasthenie?
Die Begriffe werden oft durcheinander geworfen – und selbst unter Fachleuten gibt es keine einheitliche Trennlinie. Eine grobe Orientierung:

LRS (Lese-Rechtschreib-Schwäche) beschreibt Schwierigkeiten beim Lesen und/oder Schreiben, die ganz unterschiedliche Ursachen haben können – ungünstige Lernbedingungen, Entwicklungsverzögerungen oder auch neurologische Unreife, zum Beispiel durch noch aktive frühkindliche Reflexe.

Legasthenie wird oft als stärker neurologisch und familiär bedingt beschrieben. Typisch sind Schwierigkeiten bei der phonologischen Verarbeitung – also beim Erkennen und Unterscheiden von Sprachlauten. Wichtig: Legasthenie hat nichts mit Intelligenz zu tun und ist am besten als Kontinuum zu verstehen, nicht als feste Kategorie.

Für die Übungen in diesem Beitrag ist die Unterscheidung nicht entscheidend – denn frühkindliche Reflexe können in beiden Fällen eine Rolle spielen und das Lesen und Schreiben zusätzlich erschweren.

Lesen lernen ohne Buchstaben – wenn der Körper nicht mitspielt, nützt das beste Lesetraining nichts

Wenn wir an Lesen denken, denken wir an Buchstaben, Wörter, Sätze. An etwas, das im Kopf passiert. Aber Lesen ist eine Kettenreaktion – und die beginnt nicht im Kopf, sondern im Körper. Wenn auch nur ein Glied in dieser Kette hakt, wird das ganze Lesen mühsam.

Die Augen springen – sie gleiten nicht.

Beim Lesen bewegen sich die Augen nicht gleichmäßig über die Zeile. Sie springen von Punkt zu Punkt, wie Schnappschüsse. An jedem Punkt steht das Auge kurz still und nimmt auf, was da steht – das ist die Fixation. Dann springt es weiter – die Sakkade. Während dieses Sprungs nimmt das Auge nichts wahr. Gar nichts. Gelesen wird nur in den kurzen Momenten der Fixation.

Wenn das Gehirn bei einem Schnappschuss nicht genug erfasst hat, schickt es die Augen zurück – ein Rücksprung. Allein diese Rücksprünge können die Lesegeschwindigkeit um bis zu 30 % senken.

Bei einem geübten Leser liegen die Fixationspunkte weit auseinander, die Sprünge sind gleichmäßig, Rücksprünge sind selten. Bei einem Kind mit restaktiven frühkindlichen Reflexen sieht das ganz anders aus: Die Fixationspunkte rücken eng zusammen, das Auge kommt nicht sauber zur Ruhe – und das Gehirn schickt die Augen ständig zurück.

Infografik: Sakkaden beim Lesen im Vergleich. Oben ein geübter Leser mit wenigen, weit auseinander liegenden Fixationspunkten und gleichmäßigen Sakkaden über den Satz „Der Hund springt über den Zaun". Unten ein Kind mit aktivem Reflex – viele enge Fixationspunkte, kurze Sakkaden und drei Regressionen (Rücksprünge), die den Lesefluss unterbrechen. Info-Kasten: Während der Sakkade nimmt das Auge keine Information auf. Bei einem aktiven Reflex wackelt die Fixation, das Gehirn schickt die Augen zurück – das senkt die Lesegeschwindigkeit um bis zu 30 Prozent.

Vom Bild zum Wort – und warum das Gehirn manchmal nicht mitkommt.

Was die Augen bei jeder Fixation liefern, ist ein Bild. Das Gehirn gleicht dieses Bild mit seinem gespeicherten Wortschatz ab. Kennt es das Wortbild? Sofort erkannt, weiter. Kein Treffer? Dann schaltet das Gehirn um: zurück zum buchstabenweisen Lesen. Genau das beobachtest du bei deinem Kind: Statt flüssig zu lesen, buchstabiert es sich durch Wörter, die es eigentlich kennt.

Damit dieser Abgleich funktioniert, müssen die Informationen schnell und vollständig vom Auge ins Gehirn gelangen. Stell dir das wie kleine Taxis vor, die auf Nervenbahnen unterwegs sind: Ist die Straße gut ausgebaut, kommen die Taxis schnell und ohne Datenverlust an. Ist die Straße holprig, weil die Nervenbahnen nicht ausreichend gereift sind, kommt das Bild verzerrt an. Das Gehirn erkennt das Wort nicht, obwohl dein Kind es längst kann.

Und das alles passiert, während dein Kind auf einem Stuhl sitzt, den Kopf zwischen Tafel und Heft bewegt, mit der Hand schreibt und sich gleichzeitig konzentrieren soll. Wenn der Körper mit sich selbst beschäftigt ist, bleibt kaum Energie für die eigentliche Aufgabe.

Was genau den Körper so beschäftigt hält? Zwei frühkindliche Reflexe, die bei Kindern mit LRS auffällig oft noch aktiv sind.

Zwei Reflexe, die beim Lesen und Schreiben besonders im Weg stehen

Frühkindliche Reflexe sind automatische Bewegungsmuster, die jedes Baby mitbringt. Sie sind in den ersten Lebensmonaten überlebenswichtig und sollen sich dann Stück für Stück zurückziehen, damit das Kind sich willentlich und gezielt bewegen kann. Bei manchen Kindern passiert das nicht vollständig. Die Reflexe bleiben als Restmuster aktiv und mischen sich in Bewegungen ein, die eigentlich längst bewusst gesteuert sein sollten.

Zwei dieser Reflexe spielen beim Lesen und Schreiben eine besonders große Rolle: der STNR und der ATNR. Wir schauen uns zuerst den STNR an, weil er die Basis betrifft: Haltung, Sitzen und eine Fähigkeit der Augen, ohne die Lesen kaum funktioniert.

Was hat der STNR mit dem Lesen zu tun?

STNR steht für Symmetrisch Tonischer Nackenreflex. Der Name klingt sperrig, aber was er im Alltag anrichtet, ist ziemlich konkret.

Der STNR: Kopf nach oben, Arme gestreckt, Beine gebeugt

Der STNR koppelt die Kopfbewegung an Arme und Beine. Das Muster funktioniert so: Senkt dein Kind den Kopf nach vorn (Blick ins Heft), beugen sich die Arme und die Beine strecken sich. Hebt es den Kopf (Blick zur Tafel), strecken sich die Arme und die Beine beugen sich. Bei einem Baby ist das sinnvoll – es hilft ihm, sich aus der Bauchlage hochzudrücken und in den Vierfüßlerstand zu kommen. Normalerweise wird der STNR um den 11. Lebensmonat herum integriert – in der Phase, in der das Baby auf allen Vieren schaukelt und krabbeln lernt.

Der STNR: Kopf nach vorn, Arme gebeugt, Beine gestreckt

Genau dieses Schaukeln und Krabbeln ist das Training, das den Reflex hemmt. Kinder, die die Krabbelphase übersprungen oder nur kurz durchlaufen haben, zeigen deshalb besonders häufig einen noch aktiven STNR.

So zeigt sich ein aktiver STNR im Alltag

  • Dein Kind kann nicht aufrecht am Tisch sitzen. Es rutscht nach unten, legt den Kopf auf den Arm, wickelt die Beine um die Stuhlbeine oder setzt sich auf die eigenen Füße. Das ist keine Faulheit: es kompensiert die Muskelreaktionen, die der Reflex bei jeder Kopfbewegung auslöst. Und es hat noch eine Nebenwirkung, die kaum jemand auf dem Schirm hat: In dieser zusammengesackten Haltung wird die Atmung flach. Das Gehirn bekommt weniger Sauerstoff und die Konzentration sinkt zusätzlich.
Kind sitzt im W-Sitz auf dem Stuhl, typische Kompensation bei aktivem STNR
Im W-Sitz: Kind sitzt auf den Fersen, um den Rücken gerade zu halten und einen restaktiven STNR auszugleichen.
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Fast auf dem Tisch liegend: so sieht es aus, wenn der Körper beim Schreiben gegen einen noch aktiven STNR ankämpft.
  • Abschreiben von der Tafel dauert ewig. Denn jedes Mal, wenn dein Kind den Kopf hebt, strecken sich die Arme und die Beine beugen sich. Senkt es den Kopf wieder, beugen sich die Arme und die Beine strecken sich. Bei jedem Blickwechsel muss es seinen ganzen Körper neu sortieren.
  • Schreiben strengt an und die Handschrift ist schlecht. Weil das Kind gegen reflexgesteuerte Muskelspannungen in den Armen ankämpfen muss, ermüdet die Hand schnell. Manche Kinder klagen über Schmerzen im Handgelenk bereits nach kurzem Schreiben.
  • Dein Kind liegt beim Lesen fast auf dem Tisch oder legt sich lieber auf den Boden. Das ist die einzige Position, in der der Reflex nicht ständig dazwischenfunkt.
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Hausaufgaben auf dem Boden ist keine Faulheit, sondern die Position, in der der STNR nicht dazwischenfunkt.
  • Es liest vor, aber weiß am Ende nicht, was da stand. Das ist vielleicht der frustrierendste Punkt. Dein Kind kann die Wörter technisch entziffern, es liest sogar halbwegs flüssig vor – aber wenn du fragst „Was hast du gerade gelesen?”, kommt nichts. Das liegt daran, dass das Gehirn so beschäftigt ist mit dem Sitzen, dem Sehen und dem Kompensieren, dass für das eigentliche Verstehen keine Kapazität mehr übrig ist. Stell dir vor, du versuchst ein Hörbuch zu hören, während du auf einem Bein auf einem Wackelbrett balancierst. Du hörst die Wörter – aber im Kopf entsteht kein Bild dazu.

Der STNR wird bei etwa 75 % der Kinder mit besonderen Herausforderungen beim Lesen und Schreiben restaktiv getestet.

Was der STNR mit den Augen macht – und warum die Krabbelphase so wichtig ist

Neben der Körperhaltung beeinflusst der STNR auch direkt die Augen – und zwar auf eine Weise, die fürs Lesen entscheidend ist. Erinnerst du dich an die Schnappschüsse, die das Auge beim Lesen macht? Damit ein scharfer Schnappschuss entsteht, müssen beide Augen exakt denselben Punkt fixieren. Erst dann verschmelzen die zwei Einzelbilder im Gehirn zu einem klaren Gesamtbild (Fusion). Wenn hier eine Unreife besteht, treffen sich die beiden Augen nicht präzise genug; das Bild „schwimmt” oder ist leicht unscharf. Dein Kind kann beim Augenarzt 100 % Sehschärfe haben und trotzdem beim Lesen instabile Bilder bekommen.

Dazu kommt eine zweite Fähigkeit, die direkt mit dem STNR zusammenhängt: das schnelle Umschalten zwischen Nah- und Fernsicht (Akkomodation). Schaut dein Kind ins Heft, müssen die Augenlinsen auf Nahsicht fokussieren. Schaut es zur Tafel, auf Fernsicht. Dieses Umschalten muss blitzschnell passieren, bei jedem einzelnen Blickwechsel.

Aber es reicht nicht, den Fokus einmal scharf zu stellen. Die Augen müssen die Nahsicht auch stabil halten können – über Minuten, während dein Kind eine Seite liest. Genau hier zeigt sich der aktive STNR besonders deutlich: Der Text ist anfangs noch scharf, aber nach kurzer Zeit verschwimmt er. Die Augenmuskulatur schafft es nicht, die Spannung zu halten. Dein Kind reibt sich die Augen, klagt über Kopfschmerzen, oder hält das Buch auffällig nah vors Gesicht und schiebt es vor und zurück – es sucht den Punkt, an dem das Bild wieder scharf wird.

Trainiert wird all das in der Krabbelphase: Das Baby im Vierfüßlerstand schaut auf seine Hände am Boden – nah. Hebt den Kopf und schaut in den Raum – fern. Hunderte Male am Tag, ganz automatisch. Kinder, die diese Phase übersprungen haben, zeigen oft genau hier Schwächen.

Kurzer Hinweis am Rande: Es gibt noch einen weiteren Faktor, der die Nahsicht blockieren kann – nämlich Stress. Wenn die Stressschutzreflexe (Moro-Reflex oder Furcht-Lähmungs-Reflex) aktiv werden, schaltet das Nervensystem auf Alarm. In diesem Zustand wird die Nahsicht regelrecht abgeschaltet – die Augen stellen sich auf Fernsicht ein, weil der Körper nach Gefahr in der Umgebung sucht. Dein Kind will lesen, aber sein Nervensystem macht die Nahsicht dicht. Die Stressschutzreflexe sind ein eigenes großes Thema – wenn du hier tiefer einsteigen willst, lies unseren Beitrag zum Moro-Reflex.

Warum verrutschen die Augen beim Lesen in der Zeile?

ATNR steht für Asymmetrisch Tonischer Nackenreflex – in der Fachliteratur auch „the learning reflex” genannt, weil er so viele Fähigkeiten beeinflusst, die fürs schulische Lernen entscheidend sind. Während der STNR eher das Sitzen und die Augenmuskulatur betrifft, greift der ATNR direkt in die Fähigkeiten ein, die fürs Lesen und Schreiben am allerwichtigsten sind: die Augenbewegung über die Zeile, die Hand-Augen-Koordination und das Überqueren der Körpermittellinie.

Illustration eines Babys in der typischen ATNR-Fechterstellung: Der Kopf ist zur linken Seite gedreht, der linke Arm ist gestreckt und der rechte Arm gebeugt. Das linke Bein ist gestreckt, das rechte gebeugt – das klassische Muster des Asymmetrisch Tonischen Nackenreflexes.

Der ATNR funktioniert so: Dreht das Baby den Kopf zur Seite, streckt sich automatisch der Arm auf dieser Seite, während sich der Arm auf der Gegenseite beugt – die sogenannte Fechterstellung. Gleichzeitig fokussieren Auge und Ohr auf der Seite, zu der der Kopf sich dreht, besonders scharf – während Auge und Ohr auf der Gegenseite etwas „herunterfahren”. In den ersten Lebensmonaten hilft das dem Baby, die Hand-Augen-Koordination zu entwickeln: Es sieht seine Hand und lernt, gezielt danach zu greifen. Um den 6. Lebensmonat herum sollte der Reflex integriert sein.

Bleibt er aktiv, hat das beim Lesen und Schreiben massive Folgen

  • Die Augen verlieren die Zeile. Erinnerst du dich an die Sakkaden – die Sprünge, die das Auge beim Lesen von Fixationspunkt zu Fixationspunkt macht? Dafür müssen die Augen gleichmäßig von links nach rechts über die Zeile wandern und dabei die Körpermittellinie überqueren. Genau das stört der ATNR: Jede noch so kleine Kopfbewegung löst eine Muskelreaktion in den Armen aus – und die Augen springen aus der Spur. Dein Kind liest denselben Satz dreimal und weiß am Ende nicht, was da stand. Nicht weil es nicht aufpasst – sondern weil die Augen nicht tun, was das Gehirn will.
  • Buchstaben werden verwechselt. b und d, p und q, „nie” und „ein” – das sind die klassischen Verwechslungen bei Kindern mit einem aktiven ATNR. Das liegt nicht daran, dass dein Kind den Unterschied nicht kennt. Sondern daran, dass das Überqueren der Körpermittellinie nicht sauber funktioniert und damit auch die Richtungswahrnehmung im visuellen System. Links und rechts, oben und unten werden nicht zuverlässig unterschieden.
  • Schreiben verkrampft die Hand. Weil jede Kopfbewegung die Muskelspannung in den Armen verändert, muss das Kind ständig gegensteuern. Besonders beim Schreiben über die Heftmitte hinaus, also genau dort, wo die Hand die Körpermittellinie überquert, öffnet sich die Hand reflexhaft leicht. Das Kind reagiert, indem es den Stift umso fester umklammert. Der Druck wird zu stark, das Papier reißt manchmal, die Schreibhand verkrampft, die Schrift wird unleserlich. Manche Kinder wechseln die Schreibhand je nach Aktivität – malen mit links, schreiben mit rechts – weil die Händigkeit sich nicht klar entwickeln konnte.
    Und das hat fürs Lesen und Schreiben eine Folge, die man leicht übersieht. Solange die Händigkeit nicht klar feststeht, wird das Formen der Buchstaben nie zur Selbstverständlichkeit. Dein Kind muss jeden Buchstaben bewusst zusammenbauen, immer wieder neu, statt ihn einfach hinzuschreiben. Und während der ganze Kopf mit dem Wie des Schreibens beschäftigt ist, bleibt kaum Aufmerksamkeit für das Was, also für den Inhalt. Genau daher kommen die Müdigkeit und der Frust, die so viele dieser Kinder beim Schreiben zeigen.
    Achte auch mal auf typische Ausweichbewegungen: Dreht dein Kind das Blatt auffällig schräg oder sogar um 90 Grad? Oder schiebt es den Stuhl weit vom Tisch weg und schreibt mit ausgestrecktem Arm? Beides sind Versuche, das Überqueren der Mittellinie zu vermeiden.
  • Abschreiben von der Tafel ist doppelt mühsam. Beim STNR hatten wir gesehen, dass der Blickwechsel zwischen nah und fern das Problem ist. Der ATNR legt noch eins drauf: Das Kind dreht den Kopf zur Tafel – und der Reflex verändert die Armspannung. Es dreht den Kopf zurück zum Heft und die Spannung ändert sich wieder. Bei jedem einzelnen Wort. Die Kombination aus beidem – STNR und ATNR – macht das Abschreiben für betroffene Kinder zu einer der anstrengendsten Aufgaben im Schulalltag.
  • Dein Kind hört – aber versteht nicht richtig. Der ATNR beeinflusst auch die auditive Verarbeitung. Betroffene Kinder können Hintergrundgeräusche schlecht ausblenden. Im Klassenzimmer nehmen sie alles gleichzeitig wahr und können sich schwer auf die Stimme der Lehrerin konzentrieren. Oder sie bekommen bei mehreren Anweisungen hintereinander nur die letzte mit. Beim Lesen zeigt sich das vor allem beim Vorlesen und beim Diktat: Das Verbinden von Buchstaben und Lauten – die Grundlage des Lesenlernens – fällt schwerer, wenn das auditive System nicht sauber arbeitet. Besonders das Diktat ist für Kinder mit aktivem ATNR oft der härteste Brocken, weil hier drei Fähigkeiten gleichzeitig gefordert sind, die alle durch den Reflex beeinträchtigt werden: Hören, die Hand übers Blatt bewegen und dabei die Mittellinie überqueren, und das Gehörte in Buchstaben umsetzen.

Das ist kein Einzelfall. Studien zeigen, dass Kinder mit ausgeprägten Leseschwierigkeiten deutlich häufiger einen restaktiven ATNR haben als sicher lesende Kinder. Und in einer kontrollierten Studie im Fachblatt The Lancet verbesserten sich die Leseleistungen betroffener Kinder spürbar, nachdem ein gezieltes Bewegungsprogramm den Reflex gehemmt hatte. Das zeigt, wie eng dieser Reflex mit dem Lesen zusammenhängt.

Was kann ich zu Hause gegen die Leseschwäche tun?

Vielleicht liest du bis hierher und denkst: schön und gut, aber was mache ich damit am Mittwoch Abend um halb acht, wenn das Buch wieder durch den Raum fliegt?

Hier kommt die gute Nachricht. Du kannst deinem Kind helfen, ohne dass ihr auch nur einen einzigen Buchstaben übt. Wir setzen nämlich gar nicht am Lesen an, sondern eine Etage tiefer: bei den Bewegungen, die den STNR und den ATNR zur Ruhe bringen. Es sind genau die Bewegungen, die dein Kind als Baby gemacht hätte, um diese Reflexe verschwinden zu lassen. Im Vierfüßlerstand schaukeln, über Kreuz krabbeln, den Kopf drehen, während der Körper ruhig liegen bleibt. Das holt ihr jetzt einfach nach. Lesen lernen ohne Buchstaben, sozusagen.

Ihr braucht dafür kein Material, keinen Therapeuten-Termin und keine freie Stunde. Zehn Minuten am Tag reichen. Wichtig ist nur, dass es fast täglich passiert und ohne Druck. Am schönsten läuft es, wenn du die Übungen an etwas hängst, das sowieso jeden Tag stattfindet: die Quatsch-Runde vor dem Zähneputzen, die kleine Pause nach dem Mittagessen, das Herumtoben vor dem Schlafengehen.

Und weil Kinder Bilder lieben, tragen die Übungen fast alle einen Tiernamen. Wenn nicht anders angegeben, gilt für jede: ruhig und langsam, sechs Durchgänge zu je etwa sieben Sekunden.

Übungen, die den STNR beruhigen

“Katze-Kuh”

Kind macht die Katze-Kuh-Übung und folgt mit den Augen einem Stift, Übung bei aktivem STNR

Dein Kind stellt sich im Vierfüßlerstand auf: die Hände unter den Schultern, die Knie unter den Hüften, die Arme sind gestreckt und der Rücken ist zu Beginn gerade.

Beim Einatmen senkt es seinen Rücken ab und lässt ihn sanft durchhängen, öffnet die Brust und schaut nach oben. (“Kuh”)

Beim Austamen wölbt es den Rücken und senkt seinen Kopf, so dass der Blick durch seine Arme hindurch in Richtung seiner Unterschenkel und dann des Bauchs geht. (“Katze”)

Beide Positionen wechseln sich in ruhigen, fließenden Bewegungen ab.

Kleine Steigerung, die perfekt zum Lesen passt und die du auf der Zeichnung siehst: Du hältst einen Stift vor dein Kind. Dein Kind bleibt entspannt auf beiden Händen und folgt nur mit den Augen. Geht es in die Kuh und schaut nach oben, führst du den Stift nach oben mit. Geht es in die Katze und senkt den Kopf, wanderst du mit dem Stift nach unten Richtung Boden. Der Blick deines Kindes bleibt die ganze Zeit auf der Stiftspitze. So folgen die Augen der Bewegung und üben die Augenführung, die beim Lesen in der Zeile gebraucht wird.

Bärenlauf mit Kopfrotation

Dein Kind geht in den Bärenstand: Hände und Füße stehen auf dem Boden, der Po zeigt nach oben, die Beine bleiben möglichst gestreckt. Nun bewegt es sich über Kreuz vorwärts. Rechter Arm und linkes Bein nach vorn, dabei dreht der Kopf nach rechts. Linker Arm und rechtes Bein nach vorn, der Kopf dreht nach links. Langsam und rhythmisch, etwa sechs bis acht Schritte pro Seite. Wenn das Drehen des Kopfes anfangs zu viel ist, darf dein Kind sich erst nur auf den Bärenlauf konzentrieren und die Kopfbewegung später dazunehmen.

Eseltritt

Wieder der Vierfüßlerstand, diesmal mit geradem Rücken und dem Kinn zur Brust geneigt. Dein Kind tritt mit einem Bein kräftig nach hinten oben aus, wie ein Esel, der ausschlägt. Gleichzeitig hebt es den Kopf und schaut zur Decke. Zurück in die Ausgangsposition, dann das andere Bein.

Übungen, die den ATNR beruhigen

Spiderman-Kriechen

Dein Kind legt sich flach auf den Bauch, wie ein Spiderman, der sich an der Wand entlangzieht. Jetzt schiebt es sich über Kreuz vorwärts: rechter Arm und linkes Bein gehen gemeinsam nach vorn und ziehen den Körper ein Stück weiter, während der andere Arm und das andere Bein stützen. Dann der Wechsel: linker Arm und rechtes Bein nach vorn. So robbt es immer über Kreuz eine kleine Strecke vorwärts, etwa fünf Meter, zum Beispiel den Flur entlang. Ruhig robben ist wichtiger als schnell.

Kreuzgriff im Stehen

Dein Kind steht aufrecht, die Arme seitlich ausgestreckt. Es hebt das linke Knie und führt die rechte Hand ans linke Knie, der linke Arm bleibt dabei zur Seite ausgestreckt. Gleichzeitig dreht der Kopf nach rechts, zur Seite des ausgestreckten Arms. Dann die Seite wechseln: rechtes Knie hoch, linke Hand ans rechte Knie, rechter Arm bleibt ausgestreckt, der Kopf dreht nach links. Diesen Wechsel ruhig und fließend wiederholen.

Eidechse

Dein Kind legt sich auf den Bauch, das Gesicht zur Unterlage. Die Arme liegen angewinkelt neben dem Kopf, Ellbogen und Schultern etwa im rechten Winkel, die Handflächen flach auf dem Boden, die Daumen zeigen zum Kopf.

Die Beine sind gestreckt. Jetzt dreht dein Kind den Kopf nach rechts und schiebt gleichzeitig den rechten Ellbogen Richtung rechte Hüfte und das rechte Knie hoch Richtung rechten Ellbogen.

Diese Eidechsen-Haltung etwa sechs Sekunden halten, dann zurück in die Ausgangslage.

Danach dieselbe Bewegung zur linken Seite: Kopf nach links, linker Ellbogen zur linken Hüfte, linkes Knie zum linken Ellbogen. Im Wechsel, bis zu sieben Mal pro Seite.

Hier übt dein Kind, den Kopf zu drehen, während der Körper bewusst mitgeht, statt unkontrolliert mitzureagieren. Genau das braucht es beim Lesen, wenn die Augen die Zeile entlangwandern und der Rest ruhig bleibt.

Daumen Blickfolge

Dein Kind steht und streckt einen Arm nach vorn aus, den Daumen nach oben. (Du kannst ihm auch gern einen bunten Sticker auf den Daumennagel kleben.) Die restlichen Finger bilden eine Faust.

Den Arm langsam von links nach rechts bewegen und mit den Augen der Bewegung der Daumenspitze folgen, sechs Mal.

Ganz wichtig: Nur die Augen wandern mit, der Kopf bleibt ruhig mittig ausgerichtet. Danach die Augen kurz schließen und ausruhen, dann mit dem anderen Arm wiederholen.

Wenn das gut klappt, führt ihr den Daumen auch schräg, im Kreis und als liegende Acht. Gerade die liegende Acht ist Gold wert, weil der Blick dabei immer wieder über die Körpermitte wandert, genau wie beim Lesen von Zeile zu Zeile.

Warum zehn Minuten am Tag reichen

Vielleicht klingt das nach zu wenig, um etwas zu bewegen. Aber beim Reflexintegrationstraining zählt nicht die Dauer, sondern die Regelmäßigkeit. Das Nervensystem lernt am besten in kleinen, häufigen Wiederholungen. Ein tägliches Häppchen von zehn Minuten bringt dein Kind weiter als eine Stunde am Sonntag.

Und wenn dein Kind mal keine Lust hat? Dann macht ihr es kurz, ihr macht es gemeinsam, und ihr macht es spielerisch. Kein Kind übt gern gegen sich selbst. Aber fast jedes Kind macht mit, wenn es die Katze, den Esel und die Eidechse sein darf und du daneben mittobst. Ein Bär, der über Kreuz durchs Wohnzimmer tapst, ist für dein Kind vor allem eins: ein Spiel. Mehr Ideen, um die Motivation aufrecht zu halten, findest du hier.

Zurück zu Mittwoch Abend

Erinnerst du dich an die Szene vom Anfang? Das Buch, das durch den Raum fliegt, die Augen, die es sich reibt, der Satz, der einfach nicht sitzen will. Stell dir vor, dein Kind muss beim Lesen nicht mehr gegen den eigenen Körper ankämpfen. Die Augen bleiben in der Zeile, der Kopf darf sich bewegen, ohne dass die Arme mitzucken, und das Sitzen kostet keine Kraft mehr. Was dann übrig bleibt, ist das Lesen selbst. Und das geht auf einmal viel leichter.

Ich sage dir ganz ehrlich, weil ich nichts verspreche, was ich nicht halten kann: Bei nicht jedem Kind löst sich alles in Luft auf, und manche brauchen länger als ein paar Wochen. Aber ich habe so oft erlebt, wie viel leichter das Lernen wird, wenn die Reflexe erst einmal zur Ruhe gekommen sind. Es ist, als würdest du deinem Kind ein paar schwere Steine aus dem Rucksack nehmen. Der Schulweg bleibt derselbe, das Buch dasselbe, die Aufgaben dieselben. Nur trägt dein Kind sie jetzt mit mehr Kraft.

Wenn du jetzt spürst, dass in deinem Kind mehr steckt, als seine Leseleistung gerade zeigt, dann hast du hier zwei einfache nächste Schritte:

Mit unserem kostenlosen ReflexCheck findest du in wenigen Minuten heraus, ob restaktive frühkindliche Reflexe bei deinem Kind eine Rolle spielen könnten.

Über unser Trainerverzeichnis findest du einen AAIM Reflexintegrationstrainer in deiner Nähe. Ein Erstgespräch ist in der Regel kostenfrei und verschafft dir einen ersten Überblick, wie ein Training für dein Kind aussehen könnte.

Und heute Abend? Vielleicht legst du das Lesenüben einmal beiseite und lässt stattdessen die Katze den Rücken rund machen. Zehn Minuten, ihr zwei, ohne Druck. Es ist ein wunderbarer erster Schritt.

Ob bei deinem Kind eine Lese-Rechtschreib-Störung oder eine Legasthenie vorliegt, stellen immer ein Arzt oder eine Fachstelle fest, niemals ein Selbst-Check oder eine Trainerin. AAIM Reflexintegration ersetzt weder eine Diagnose noch eine schulische Förderung. Sie geht Hand in Hand mit ihnen und nimmt dem Ganzen Druck.

Häufig gestellte Fragen

Können frühkindliche Reflexe wirklich Lese- und Rechtschreibprobleme verursachen?
Reflexe verursachen keine Legasthenie im engeren Sinn, aber restaktive Reflexe wie der STNR und der ATNR können dieselben Schwierigkeiten machen: verrutschende Augen, verwechselte Buchstaben, mühsames Abschreiben. Oft liegt beides zusammen vor. Ob restaktive Reflexe bei deinem Kind mitspielen, findest du in wenigen Minuten mit dem kostenlosen ReflexCheck heraus.
Was ist der Unterschied zwischen LRS und Legasthenie?
LRS beschreibt Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten mit ganz unterschiedlichen Ursachen. Legasthenie meint eine anhaltende, oft angeborene Form. Die Begriffe werden uneinheitlich verwendet, selbst unter Fachleuten. Eine Diagnose stellt immer ein Arzt oder eine Fachstelle.
Welche Übungen helfen bei einem aktiven STNR oder ATNR?
Bewegungen, die den frühkindlichen Mustern nachempfunden sind: Schaukeln im Vierfüßlerstand, Krabbeln über Kreuz, Kopfdrehungen bei ruhigem Körper und Augenfolgeübungen. Rund zehn Minuten täglich, ohne Druck, reichen aus.
Ab welchem Alter sind die Übungen sinnvoll?
Meist vom Vorschulalter an aufwärts, auch für Erwachsene. Wichtiger als das Alter ist, dass die Übungen kindgerecht, spielerisch und regelmäßig gemacht werden.
Ersetzt Reflexintegration eine Lerntherapie oder ärztliche Behandlung?
Nein. Sie ersetzt weder Diagnose noch schulische Förderung, sondern arbeitet an der körperlichen Basis und nimmt Druck heraus. Am besten wirkt sie zusammen mit der Förderung und, wo nötig, ärztlicher Begleitung. Einen Trainer in deiner Nähe findest du über unser Trainerverzeichnis.

Weiterführende Beiträge

Wissenschaftliche Nachweise / Quellenangaben

  • Lesen verbessert sich, wenn der Reflex gehemmt wird. In einer randomisierten, kontrollierten Studie machte eine Gruppe von Kindern ein gezieltes Bewegungsprogramm gegen den restaktiven ATNR und verbesserte ihre Leseleistung deutlich stärker als die Vergleichsgruppe.
    McPhillips, M., Hepper, P. G. & Mulhern, G. (2000): Effects of replicating primary-reflex movements on specific reading difficulties in children: a randomised, double-blind, controlled trial. The Lancet, 355(9203), 537–541.
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10683004/
  • Leseschwäche und Rest-ATNR hängen zusammen. Kinder mit ausgeprägten Leseschwierigkeiten tragen deutlich häufiger einen restaktiven ATNR mit sich als sicher lesende Kinder.
    McPhillips, M. & Sheehy, N. (2004): Prevalence of persistent primary reflexes and motor problems in children with reading difficulties. Dyslexia, 10(4), 316–338.
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15573963/

Portrait von Claudia Hannemann

Über die Autorin

Claudia Hannemann begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten Kinder, Eltern und Pädagogen. Sie gründete Montessori-Kinderhäuser und eine Grundschule und bildet heute Fachkräfte in Reflexintegration aus. Ihr Ansatz verbindet neurowissenschaftliches Wissen mit pädagogischer Erfahrung. Im Reflexopedia schreibt sie über Lernen, ADHS und mentale Gesundheit.

AAIM Reflexintegration Die Kunst der Reflexintegration

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